Balázs und die visuelle Kultur

Es ist beinahe ein Jahrhundert vergangen, seitdem Béla Balázs (1884–1949) sein Buch Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films (1924) in Wien veröffentlicht hat, ein Werk, das längst zu den Klassikern der filmästhetischen Theorie zählt. Dabei handelt es sich um das erste von insgesamt vier Filmbüchern des Schriftstellers.[1] Sein Erstlingswerk, so gesteht er rückblickend, stellt eine Liebeserklärung an den Film dar. Es ist, wie er im Vorwort seines Werkes schreibt, der Versuch, eine Kunstphilosophie des Films zu entwickeln.[2] Drei Jahrzehnte nach der Erfindung des Films sei es höchste Zeit, dieser Kunst eine theoretische Betrachtung zu widmen. Eindringlich weist er auf die Notwendigkeit hin, dass sich auch die wissenschaftlichen Disziplinen, beispielsweise die Ästhetik und damit die Philosophie sowie die Kunstwissenschaft, jener Thematik anzunehmen haben. Und solange die Wissenschaft ihren Blick abwandte, entschied er, der Filmkunst vorerst seine Stimme zu leihen, und zwar in Form einer Theorie. Denn die Theorie sei nicht grau, so Balázs,»sondern [bedeute stattdessen] für jede Kunst die weiten Perspektiven der Freiheit«[3]. Sie kann die Aufgabe übernehmen, jene prinzipiellen Möglichkeiten des Films zu erforschen. Die theoretische Beschäftigung mit dem Medium, so argumentiert er, sei von besonderem Belang, da jenes Medium nicht nur ein weiteres künstlerisches Mittel darstelle, sondern in rasendem Tempo unsere Kultur verändere bzw. bereits verändert habe. Er statuiert eine Hinwendung zum Visuellen. Dabei erkennt er das bewegte Bild als treibende Kraft eines Wandels, der sowohl die Wahrnehmung des Einzelnen als auch der Masse gleichermaßen betrifft. Die theoretische Betrachtung der Möglichkeiten des Filmischen meint damit nicht allein die Erforschung seiner Technik sondern ebenso die seiner gesellschaftlichen Auswirkungen. Balázs nimmt also an, dass die Filmkunst die Wahrnehmung des Menschen modifizieren wird…

»Nun ist eine andere Maschine an der Arbeit, der Kultur eine neue Wendung zum Visuellen und dem Menschen ein neues Gesicht zu geben. Sie heißt Kinematograph. Sie ist eine Technik zu Vervielfältigung und Verbreitung geistiger Produktion, genau wie die Buchpresse, und ihre Wirkung auf die menschliche Kultur wird nicht geringer sein.«[4]

Indem das Sehen des Menschen wieder einen höheren Stellenwert einnimmt, wird auch seine Körpersprache, d.h. seine nonverbalen Ausdrucksformen, wie beispielsweise seine Mienen und Gebärden, wieder an Bedeutung gewinnen. Dies ist der Grund für den Titel Balázs’ Publikation. »Der sichtbare Mensch« soll zeitgleich auf das Sehen des Menschen an sich sowie auf das Gesehenwerden des Menschen verweisen. Das Gesehenwerden (-können) oder das Sichtbarsein bezieht sich hierbei weniger auf die äußere Form als solche, sondern betrifft die äußere Form als kreative Form einer Idee. Als gestaltende Form kann sie sowohl ein Symbol geistigen als auch emotionalen Ausdrucks sein.[5] Dabei betont Balázs, dass die Leistung des Filmes gerade in der Gestaltung der Gefühlsregungen zu finden sei.

»Kultur bedeutet die Durchgeistigung der alltäglichen Lebensmaterie, und visuelle Kultur mü[ss]te den Menschen in ihrem gewöhnlichen Verkehr miteinander andere und neue Ausdrucksformen geben. Das […] wird der Film schaffen.«[6] Der Film, argumentiert Balázs, stelle eine Kulturentwicklung dar, insofern er die sprachlichen Fähigkeit des Menschen erweitere. Das bedeutet, im Falle der technischen Innovation des Films sowie der Einrichtung öffentlicher Kinosäle zu dessen Vorführung hat sich ein Medium herausgebildet, das die Kultur grundlegend verändert. Es ist ein Wandel, welchen Balázs hoffnungsvoll als einen kulturellen Fortschritt charakterisiert. Denn das Medium des Films bietet dem Menschen neue Möglichkeiten bzw. neue Formen des Ausdrucks. Mit dem Film hat sich der Mensch eine neue Sprache geschaffen, die über nationale wie auch ethnische Grenzen  hinweg Geltung beanspruchen kann. Dabei bedarf auch die Sprache des Films, wie überhaupt jede Sprache, eines geübten Lesers, weshalb sich Balázs in aufklärerischer Art und Weise an eine Grammatik dieser filmischen Sprache wagt. Er bemüht sich, den Film in seine Bestandteile, in sein Material und seine Mittel, zu zerlegen, ohne währenddessen die Wahrnehmung des Zuschauers außer Acht zu lassen.

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Seinem Erstlingswerk folgten Der Geist des Films (1930), Iskusstwo Kino (Filmkunst, 1945) und Filmkultúra (1948, dt: Der Film, 1949).
Balázs, B.: Der sichtbare Mensch [1924] (2001), vgl. 9.
Ebd., 9.
4 Ebd., 16.
5 Ebd., vgl. 17f.
6 Ebd., 21.

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Dies ist ein Auszug aus dem Text Von der Ästhetik eines Stop-Motion-Märchens. Im Anschluss an Béla Balázs’ Der sichtbare Mensch (1924) von Lea Dannenhauer.

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