Schauspielerei zur Verbesserung der Haltung

»Wir können heute über den Ozean fliegen, hören und sehen. Aber der Weg zu uns selbst und zu unseren Nächsten ist sternenweit. Der Schauspieler ist auf diesem Weg. Mit dem Licht des Dichters steigt er in die noch unerforschten Abgründe der menschlichen Seele; seiner eigenen Seele, um sich dort geheimnisvoll zu verwandeln, und Hände, Augen und Mund voll vonWunder wieder aufzutauchen. Er ist Bildner und Bildwerk zugleich: er ist der Mensch an der äußersten Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum und er steht mit beiden Füßen in beiden Reichen.«[1]

Mit diesen Worten beschreibt Max Reinhardt (1873–1943) den Schauspieler in einer Rede, die er anlässlich des Gastspiels des Deutschen Theaters an der Columbia University von New York im Februar 1928 hielt. Es ist die Schilderung des Schauspielers aus der Perspektive eines Mannes, welcher die Schauspielerei selbst als Beruf und Berufung gelebt hat. Seit Reinhardts Rede sind inzwischen fünfundachtzig Jahre vergangen und doch hat die Kraft seiner Worte Bestand. Bewundern wir derzeit nicht mehr als je zuvor jene Ambivalenz von Schauspielerinnen und Schauspielern, welche zeitgleich Wirklichkeit und Fiktion verkörpert? Längst beschränkt sich ihr Aktionsfeld nicht mehr bloß auf die Theaterbühnen und Kinoleinwände. Sie haben sich einen Weg hinaus aus den üblichen, institutionalisierten Orten gebahnt und außerhalb derer neue Bühnen für sich entdeckt. Erfolgreiche Schauspieler und Schauspielerinnen sind heute in unserem alltäglichen Leben allgegenwärtig. Ihre Gesichter begegnen uns in Zeitungen und Hochglanzmagazinen, auf Werbeplakaten und Produktverpackungen. Ihre Stimmen erreichen uns aus Interviews und Reden, unter anderem verbreitet durch Radio, Fernsehen oder World Wide Web. Und trotz dieser Omnipräsenz scheint es, als seien wir ihrer bislang nicht überdrüssig.[2] Was ist es, das uns an ihrem Schauspiel und auch an ihrer Person so fasziniert? Ist es noch immer jene Magie der natürlichen Künstlichkeit, von der Reinhardt spricht? Nähren sie unser Begehren, indem sie sich überzeugend in die künstliche Darstellung eines anderen Menschen verwandeln? Gerade in diesem Moment erblickt Reinhardt eine Besonderheit der Schauspielerei, die dem Menschen eine Gelegenheit bietet, sich selbst näher zu kommen sowie sich neu zu gestalten. Denn der Schauspieler ist zeitgleich sowohl Darstellung seiner selbst als auch Gestalter jener Darstellung…

Man erinnere sich nur für einen Moment an Platons idealen Staat, welchen er in seinem Hauptwerk Politeía, der Staat, entworfen hat. Der Staat des Philosophen duldet keinerlei darstellende Kunst oder darstellende Künstler. Die Schauspielkunst, so argumentierte Platon, stelle eine Gefahr für die Erziehung der Bürger und Herrscher, sowie deren Moral dar. Diese Idee soll zum Denken anregen, doch vorerst möge man ihr entgegenhalten, dass die Zeiten und die Menschen sich gewandelt haben. Heute stellt der Schauspieler für viele Menschen weltweit ein Vorbild, zu dem sie hinauf sehen können, dar. Er vermittelt das Bild eines starken Menschen, der sich wagemutig auf unterschiedliche Rollen und unbekannte Situationen einlässt. Er wirkt als Artist verschiedenster Fähigkeiten, die er sich je nach Bedarf antrainiert. Er ist ein stetig Übender, der inzwischen neben dem Ergebnis seines Übens auch vermehrt sein Üben selbst öffentlich zur Schau stellt. Sein Üben macht ihn interessant. Denn wir sind alle Übende, folgt man der Diagnose des Philosophen Peter Sloterdijk. Wir leben heute auf einem Planeten der Übenden. Unser Üben zielt dabei auf unsere Selbstverbesserung. Und uns zu verbessern, dazu haben wir gemeinhin Grund, meint Sloterdijk.[3] In Rückblick auf die Philosophie des vergangenen Jahrhunderts zeige sich der Mensch bekanntermaßen als ein »Wesen unter Vertikalspannung«[4]. Die einzelnen Diskurse bezüglich der Behinderungen des Menschen, den Krüppeltümern, treffen schließlich in einem Verständnis des menschlichen Daseins als vom Streben nach Verbesserung getrieben aufeinander. In seinem Essay Du mußt dein Leben ändern (2007) setzt sich Sloterdijk vor einem kulturhistorischen Hintergrund explizit mit diesem Streben, den verbessernden Exerzitien und seinen Trainern auseinander. Die Lektüre seines Essays gab mir den Denkanstoß, den Schauspieler als übenden Menschen par excellence zu untersuchen und der Frage nach zu gehen, inwiefern die Schauspielerei ein Medium zur Verbesserung des Menschen darstellen kann?

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1 Das Zitat folgt der von Franz Rothe herausgegebenen Fassung aus dem Jahr 1930. Reinhardt, Max: Rede über den Schauspieler [1930], in: Ich bin nichts als ein Theatermann. Briefe, Reden, Aufsätze, Interviews, Gespräche, Auszüge aus Regiebüchern, hrsg. v. Hugo Fetting, Berlin 1989, 433–436, hier 436; Im Anhang befindet sich die gesamte Rede zum Nachlesen. Sie wurde u.a. 1953 in der Zeitung Die Zeit abgedruckt. Ders.: Rede über den Schauspieler, in: DIE ZEIT, 16.07.1953, Nr. 29 (1953), 11–12. [Online verfügbar unter ZEIT  ONLINE.]
2 Dessen nahm sich Mitte des 20. Jahrhunderts auch der Soziologe Erving Goffman an. Er behandelte die Präsentation des Selbst unter kommunikationstheoretischen Aspekten in seinem Buch
The presentation of self in everyday life (1959), das in seiner deutschen Ausgabe den
passenden Titel Wir alle spielen Theater trägt.
3 Sloterdijk, Peter: Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt a. M. 2009, vgl. 98f.
4 Ebd., 99.

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Dies ist ein Auszug aus dem Text Schauspielerei zur Verbesserung der Haltung von Lea Dannenhauer.

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