Von Kuratoren und anderen Raumpflegern

In den letzten Jahrzehnten ist der »freie Kurator« zu einer interessanten Figur des Kunstbetriebs avanciert. An der Schwelle des Kunstsystems stehend ruft er die einzelnen Werke mit einer Ausstellung in den Wald der Kunst hinein. Was die kuratorische Tätigkeit des unabhängigen Kurators auszeichnet und welche Rolle er heute im Kunstbetrieb spielt, wird anhand Walter Benjamins Übersetzungstheorie und verschiedener Raumbezüge bestimmt werden.

 

Von Kuratoren und anderen Raumpflegern (Auszug)
von Lea Dannenhauer

… „Übersetzung ist eine Form. Sie als solche zu erfassen, gilt es zurückzugehen auf das Original. Denn in ihm liegt deren Gesetz als in dessen Übersetzbarkeit beschlossen.“[1] Die gute Übersetzung ist wie ihr Original „mehr als Mitteilung“[2]. Ihr wahrhafter Kern ist dasjenige, das sich an ihr selbst wiederum nicht übersetzen lässt.[3] Das heißt, die Herausforderung des Übersetzers stellt sich nicht allein mit der Übertragung des tieferen Sinns des im Urtext Symbolisierten sondern mit dessen Formgebung. Benjamin, der sich entschieden gegen eine Ausrichtung der Kunst auf ein Publikum ausgesprochen hat, stellt auf der Suche nach der Voraussetzung für die Formgebung einer Übersetzung fest: „Wenn [die] Übersetzung eine Form ist, so mu[ss] Übersetzbarkeit gewissen Werken wesentlich sein.“[4] Demzufolge sind alle Kunstwerke wesensmäßig Werke der Kunst. Für die Übersetzungstheorie ergibt sich daraus ein natürlicher Zusammenhang, welcher den Urtext und seine Übersetzung miteinander verbindet. Denn die Form, welche eine Translation hervorbringt, begründet sich bereits in „eine[r] bestimmte[n] Bedeutung, die den Originalen innewohnt“[5]. Benjamin nennt diese Eigenschaft der Werke ‚Übersetzbarkeit‘. Der Begriff bezeichnet eine dem Original immanente Möglichkeit des Fortsetzens, die hauptsächlich für Kunstwerke aufgrund deren inniger Bindung von Inhalt und Form charakteristisch ist. Damit lässt sich erkennen, mit welcher Notwendigkeit der Werkbegriff dem Begriff der Übersetzung Benjamins vorausgeht.[6] Alfred Hirsch hat dieses Verhältnis, wie folgt, beschrieben: Die Übersetzbarkeit geht nicht nur dem Fortleben eines Werkes in dessen Übersetzung sondern bereits dem Formwerden des Werkes überhaupt voran.[7] Sie ist die transzendentale Bedingung der Form des Werdens eines Werkes. „Die Übersetzbarkeit geht als sprachliches Werden dem Werk qua Setzung konstitutionslogisch voraus, damit dieses wiederum in eine Übersetzung einmünden kann.“[8] Damit zeigt sich zudem deutlich der Rahmen Benjamins Übersetzungstheorie, welcher den einer Kunst- und Dichtungstheorie nicht überschreitet[9], da sein Begriff der Übersetzung bereits den des Werkes voraussetzt. Das Verhältnis von Original und Übersetzung folgt somit immer einer klaren Chronologie, dessen historischen Zusammenhang Benjamin folgendermaßen beschreibt: „[W]ie Ton und Bedeutung der großen Dichtungen mit den Jahrhunderten sich völlig wandeln, so wandelt sich auch die Muttersprache des Übersetzers. Ja, während das Dichterwort in der seinigen überdauert, ist auch die größte Übersetzung bestimmt in das Wachstum ihrer Sprache ein-, in der erneuten unterzugehen.“ [10] Benjamin wirft damit einen Aspekt der Kanonisierung auf, dessen Voraussetzungen und Potentialität unabhängig von einem handelnden Subjekt auf der Seite des Werkes selbst liegen.[11] Indem sich die Übersetzung mit ihrer transitorischen Form im Gegensatz zum Urtext, der in seiner Formgebung eine andauernde Bedeutung geltend macht, in das historische Wachstum der Sprache einfügt, stellt sie eine Rezeption dar, welche letzten Endes in einen Kanon eingeht. Aus diesem Grund bezeugt sich in der Übersetzung eine weit tiefere Verwandtschaft der Sprachen als diejenige, welche im oberflächlichen Vergleich zweier Urtexte, d.h. in deren Ähnlichkeit, je sichtbar wird.[12] Die Sprachen des Menschen, so Benjamin, sind sich in dem, „was sie sagen wollen“[13], a priori verwandt und daher kann das Werk in der Sprache einer Übersetzung eine Erweiterung erfahren, die sein Fortleben in Form einer „Nachreife[,] auch der festgelegten Worte“[14], bedeutet. „[A]lle überhistorische Verwandtschaft der Sprachen [beruht] darin, da[ss] in ihrer jeder als ganzer jeweils eines und zwar dasselbe gemeint ist, das dennoch keiner einzelnen von ihnen, sondern nur der Allheit ihrer einander ergänzenden Intentionen erreichbar ist: die reine Sprache.“ [15] Aus diesem Zusammenhang erklärt sich nun Benjamins Figur der reinen Sprache nicht nur als unerreichbares Telos[16] sondern zugleich als Ursprung einer Übersetzung sowie eines Werkes selbst. Infolgedessen repräsentiert ein Kunstwerk pars pro toto die Kunst allgemein oder ein Dichtwerk pars pro toto die Dichtung überhaupt. Eben darin begründet sich, neben der Differenz von Bezeichnendem und Bezeichnetem, die Kompetenz der Übersetzung, das innerste Verhältnis der Sprachen zueinander darzustellen. …

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[1] Benjamin (1991), 9.
[2] Ebd., 15.
[3] Ebd., vgl. 15.
[4] Ebd., 10.
[5] Ebd.
[6] Brokoff (2004), vgl. 167.
[7] Hirsch (2006), vgl. 612; Ch. Kambas hat darüber hinaus gezeigt, in welcher Art und Weise Walter Benjamin allein in seiner Wortschöpfung der ‚Übersetzbarkeit’ jenes Potential direkt an das Wesen des Kunstwerkes selbst bindet. Kambas (2009), vgl. 211.
[8] Ebd.
[9] Brokoff (2004), vgl. 167.
[10] Benjamin (1991), 13.
[11] Kambas (2009), vgl. 211f.
[12] Benjamin (1991), vgl. 12.
[13] Ebd., 12.
[14] Ebd.
[15] Ebd., 13.
[16] Bröcker, Michael (2000): Sprache. In: Opitz, Michael/Wizisla, Erdmut (Hrsg.): Benjamins Begriffe. Bd. II. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, vgl. 760.
 

Einige wichtige Auszüge sowie eine kleine Zusammenfassung des Textes wurden im Juli in der PORT 2011 veröffentlicht. Die diesjährige Ausgabe des Magazins ist online unter issuu.com verfügbar.

 

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